Unser Denken sucht immer wieder
Antworten auf die Frage nach dem Warum. So auch in
den Wissenschaften, wo es zu einem ganz wesentlichen Teil um Fragen
nach Ursachen, um Kausalität
geht. Wie können wir solche Fragen beantworten? Wie
können wir
Kausalität feststellen? Was überhaupt ist
Kausalität? Dies sind
grundsätzliche Fragen, welche an den Fundamenten unserer
wissenschaftlichen Tätigkeit kratzen. Über
mögliche Antworten wird seit
einigen hundert Jahren gestritten. Philosophenfutter, mögen
Sie
vielleicht denken. Wenn wir Wissenschaftler uns nicht dem Vorwurf
aussetzen wollen, im Grunde nicht zu wissen was wir eigentlich tun,
sollten wir uns zwischendurch auch mit solchen Aspekten unserer
Tätigkeit befassen.
Oft erscheint es uns problemlos
möglich, Kausalzusammenhänge
zu erkennen. Diesbezüglich ist unsere Intuition recht
zuverlässig, wenn
auch nicht fehlerfrei. Versuchen wir Kausalzusammenhänge aber
sprachlich zu erfassen, sie zu beschreiben, geraten wir bald in
Schwierigkeiten. Wir erkennen ohne weiteres, dass der Fussball die
Ursache für das Zerbersten der Fensterscheibe war. Wie
gelangen wir zu
dieser Erkenntnis? Ein erster Hinweis liefert uns die zeitliche und
räumliche Nähe zwischen dem Auftreffen des Fussballs
und dem Zerbersten
der Scheibe. Weiter könnten wir wiederholt Fussbälle
gegen
Fensterscheiben treten und beobachten, dass diese zerbrechen. Wenn
dieses Ereignis also immer eintritt, sooft wir das Experiment (oder die
Beobachtung) auch wiederholen, bestärkt uns das in der
Vermutung, dass
tatsächlich ein Kausalzusammenhang besteht. Das Problem
besteht im
Wörtchen 'immer'. War es in der Vergangenheit immer so,
können wir
daraus nicht schliessen, dass es auch in der Zukunft immer so sein
wird. Was, wenn eine Scheibe doch einmal standhält? Das haben
wohl
viele von uns auch schon erlebt und waren darob ganz froh. Trotzdem
geriet unsere Kausalitätsüberzeugung nicht ins
Wanken. Der Ball flog
halt nicht so schnell oder die Scheibe war besonders dick. Die
Situation war eine andere als in den Fällen zuvor. Aber wann
ist eine
Situation anders als die andere? Sicher waren Fluggeschwindigkeit und
Scheibendicke und noch viele weitere Faktoren in den vorangegangen
Fällen, als das Glas klirrte, ebenfalls unterschiedlich. Wann
sind denn
zwei Situationen gleichartig? Diesem Problem muss sich die Regularitätstheorie
stellen, eine der Theorien zur Erklärung der
Kausalität, deren einflussreichster Vertreter David Hume war.
Also verursacht nicht jeder fliegende
Ball das Zerbrechen der
Scheibe, aber wenn die Scheibe zerbricht, dann war der Ball die Ursache
dafür. Denn, wäre kein Ball gegen die Scheibe
geprallt, wäre sie jetzt
noch ganz. Dies ist ein altes Argument zugunsten einer kausalen
Interpretation, beruhend auf der Kontrafaktischen Analyse.
Auch
diese hat ihre Tücken. Wie können wir
überhaupt feststellen, dass die
Scheibe ganz geblieben wäre, wenn der Ball nicht auf die
Scheibe
geprallt wäre?
Schon dieses einfache Beispiel zeigt
grundsätzliche, schwierige
Probleme auf. Wir beschäftigen uns meist mit wesentlich
komplexeren
Fragestellungen, wie z.B. nach den Ursachen des
Artenrückgangs, von
Klimaveränderungen oder von Krankheiten. Wie können
wir hier zu
gesicherten Aussagen gelangen?
Es kommt noch schlimmer, wenn wir uns
etwas grundsätzlicher mit den Schlussweisen,
die wir in den Kausalanalysen anwenden, auseinander setzen.
Beginnen wir mit der Deduktion:
Prämisse 1: wenn A, dann B
Prämisse 2: nun aber A
Konklusion: also B
Unser Beispiel lautet dann:
Prämisse 1: Wenn ein Ball auf die Fensterscheibe prallt, dann
zerbricht die Fensterscheibe.
Prämisse 2: Nun prallt ein Ball auf die Fensterscheibe,
Konklusion: also zerbricht die Fensterscheibe.
Abgesehen von den oben
erwähnten Schwierigkeiten bietet diese
Schlussweise keine Probleme. Sind die Prämissen
gültig resp. wahr, dann
ist auch die Konklusion wahr.
Häufiger wenden wir das
folgende Schlussverfahren an, die Abduktion (nach
Peirce):
Prämisse 1: wenn A, dann B
Prämisse 2: nun aber B
Konklusion: also A
Wiederum unser Beispiel:
Prämisse 1: Wenn ein Ball auf die Fensterscheibe prallt, dann
zerbricht die Fensterscheibe.
Prämisse 2: Nun aber ist die Fensterscheibe zerbrochen.
Konklusion: Also prallte ein Ball auf die Fensterscheibe.
Dieser Schluss ist in der Logik
ungültig, denn wahre Prämissen
führen hier nicht unbedingt zu wahren Konklusionen! Wir sehen
leicht,
dass es beispielsweise auch ein Stein hätte sein
können. Trotzdem
verwenden wir dieses Verfahren sehr oft, nicht nur im Alltag, sondern
auch in den Wissenschaften, insbesondere auch in der Medizin. Wir
schliessen aus der beobachteten Wirkung auf die Ursache.
Vielleicht finden wir einen Ausweg,
wenn wir die konditionalen
Aussagen ('wenn A, dann B') als Hypothesen auffassen, woraus sich
Aussagen ableiten lassen, die verifizierbar sind. Dies wird auch als hypothetisch-deduktives
Verfahren
bezeichnet. Wir können folgende Schlussweise anwenden, welche,
im
Gegensatz zur Abduktion, logisch begründet und allgemein
gültig ist:
Prämisse 1: wenn A, dann B
Prämisse 2: nun aber nicht B
Konklusion: also nicht A
Sind die Prämissen
gültig, dann ist es auch die Konklusion. Wenn die
Hypothese 'Alle Raben sind schwarz' (wenn Rabe, dann schwarz) zutrifft,
dann sind alle nicht-schwarzen Dinge die wir beobachten, keine Raben.
Der Vorteil dieses Schlussverfahrens
liegt neben seiner logischen
Korrektheit darin, dass wir die Hypothese falsifizieren
können. Die
Falsifikation der Schlussfolgerung (Konklusion) führt zur
Falsifikation
der Hypothese. Die Beobachtung eines einzigen nicht-schwarzen
Raben vermag die Hypothese zu widerlegen.
Damit, durch die Falsifikation
anstelle der Verifikation,
meinte Popper das Problem gelöst zu haben. Genauer: er bot
eine Lösung
des Induktionsproblems (s. u.) mit Hilfe der deduktiven Logik. Dieser
Lösungsvorschlag ist umstritten. Ein Grund dafür ist,
dass wir es in
der Wissenschaft nicht mit isolierten, singulären Aussagen zu
tun
haben, sondern mit einem ganzen Komplex untereinander
verknüpfter
Hypothesen. Jede Aussage basiert auf Theorien. So lautet dann das
Schlussschema, wenn wir die Falsifikation anwenden,
1. wenn A und T, dann B
2. nun aber nicht B
3. also entweder nicht A, oder nicht T
Wir haben die Wahl, entweder A, eine
Prüfaussage (Popper), oder T,
eine Theorie, zu verwerfen. Popper plädierte für die
Verwerfung von T,
jedoch mit der vorsichtigen Formulierung "Ja, die Annahme, bestimmte
Prüfaussagen seien wahr, rechtfertigt manchmal die Behauptung,
eine
erklärende allgemeine Theorie sei falsch." (Karl R.
Popper 1984. Objektive Erkenntnis. Hoffman und Campe, Hamburg. S. 8).
In der Praxis geschieht das selten, schon gar nicht aufgrund eines
einzigen Experimentes. Denn T ist gewöhnlich eine so
bedeutende Aussage
oder Theorie, dass man sie trotz aller logischen Rechtfertigung nicht
so leicht aufzugeben bereit ist. Dies aus gutem Grund. Stellen wir uns
anstelle des abstrakten Schlussschemas ein konkretes Experiment vor.
Wir wissen, was alles in einem Experiment schief laufen kann. So werden
wir eher A verwerfen und unser Experiment auf Mängel
überprüfen, unsere
zugrunde liegenden Überlegungen in Frage stellen, oder
Zusatzannahmen
treffen.
Allgemeine Hypothesen und Theorien
sind zentraler Gegenstand der
Naturwissenschaften. Wir wollen nicht nur Aussagen über
Einzelfälle
machen können, sondern allgemein(er) gültige. Dahin
gelangen wir mit
Hilfe der Induktion, indem wir von
Einzelereignissen auf eine
Gesetzmässigkeit (z.B. auf eine Kausalität)
schliessen oder eine
Verallgemeinerung ('alle Raben sind schwarz') treffen. Schon
Aristoteles hat jedoch nachgewiesen, dass die Induktion nicht
schlüssig
ist! Gleichwohl bildet sie eine der Hauptmethoden der
Naturwissenschaften. Im Versuch der Rechtfertigung streiten sich die
Philosophen seit Jahrhunderten. Denn schliesslich ist es die Induktion,
welche erkenntniserweiternd ist.
(NB: Auch die (inferentielle)
Statistik liefert keine Lösung des
Induktionsproblems. Statt mit Allaussagen wie in den oben genannten
Beispielen haben wir es mit probabilistischen Aussagen zu tun. Die
Probleme bleiben grundsätzlich dieselben, wie schon Hume
aufgezeigt
hat, im Speziellen kommen weitere hinzu.)
Sollten wir einige Aspekte der Natur
tatsächlich erfasst haben, dann
wissen wir im Grunde genommen nicht so genau, wie es geschehen ist.
„Es
ist vermutlich nur den wenigsten Wissenschaftlern klar, daß
ihr Handeln
unter einem nomologisch-deduktiv-kausalen Paradigma eine
Überzeugung
darstellt, die im Verlaufe der (natur)wissenschaftlichen Sozialisation
erworben wurde, und selber nur unvollständig und elliptisch
begründbar
ist. Pointiert: die Berufung auf die Kausalität als
Begründungsmodell
in den (Natur)Wissenschaften kann letztlich nur final bzw. teleologisch
begründet werden.“ (Stangl 1989, S. 105 (S. 6 in
diesem pdf-Dokument)).
Den Eingangs erwähnten
Vorwurf, dass wir eigentlich nicht so recht
wissen, was wir tun, können wir also (noch) nicht ganz
entkräften. Wir
sollten uns bewusst sein, dass die wissenschaftliche Methodik richtige
und sichere Erkenntnis nicht gewährleistet. Aber korrekt
angewendet,
bietet sie wohl doch die Möglichkeit, Irrtümer
aufzudecken.
In der Praxis mag dazu das Verfahren
besonders tauglich sein, welches wir auch in der Modellselektion
anwenden. Hier ist allerdings nicht das statistische Verfahren gemeint,
sondern das ihr vorangehende: die Formulierung verschiedener (sich
ergänzender und konkurrierender) Modelle, resp. Hypothesen.
Dazu
benutzen wir die erwähnten Verfahren der Logik. Ebenso in der
Planung
eines Forschungsprojektes. Eine Auseinandersetzung mit diesen Themen
ist also auch für unsere 'praktische' Arbeit notwendig. Sie
gehen nicht
nur die Philosophen, sondern auch uns etwas an.
Eine kleine Auswahl von Links zum
Thema:
Kausalität (Uni Bern)
Kausalität (W. Stangl)
Sarah Steinmetz: Wissenschaftliche
Arbeitsweise